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Musik Sagt Mehr Als Tausend Worte | Welttag der Suizidprävention

13/09/2020

Hallöchen, ihr Lieben.

Am 10. September war Welttag der Suizidprävention. Der September ist Monat der Suizidprävention. Bereits in den letzten beiden Jahren habe ich aus diesem Anlass einer betroffenen Freundin meinen Blog zur Verfügung gestellt. Damit sie loswerden kann, was sie sagen möchte. Damit sie von Leuten gehört wird. Leuten, denen es vielleicht ähnlich geht. Aber auch Leuten, die sich vielleicht nie mit Suizidalität beschäftigt haben. Es geht darum aufmerksam zu machen und die Menschen zu sensibilisieren, aber auch darum, anderen Betroffenen zu sagen: „Du bist nicht allein. Und es ist okay, du zu sein.“

Im Beitrag 2018 habe ich meine Freundin interviewt, 2019 gab es ein Update von ihr und ihrer Situation.

Deshalb höre ich nun auf und überlasse das Wort meiner Freundin.

TW: Suizidgedanken, Depressionen, Persönlichkeitsstörung, Vergewaltigung (erwähnt)



Musik sagt mehr als tausend Worte. Wie wahr das doch ist. Wie oft habe ich schon Songtexte sprechen lassen, da sie am Besten die Gefühlswelt im Kopf beschreiben. Mit eigenen Worten, schenken dir die meisten Menschen kein Gehör. Doch mit den Worten eines anderen hören sie vielleicht genauer hin.

Musik macht fröhlich, Musik gibt Wärme, Musik versteht, Musik beschert Gänsehaut und lässt Tränen kullern. Musik ist da, wenn du deinen Weg allein gehst. Wenn niemand an deiner Seite ist, ist Musik da.

Ich höre eigentlich so gut es geht immer Musik. Beim Bahn fahren und einkaufen gehen, nimmt es die Angst vor den Menschen, wenn ich mich allein fühle zeigen die Lyrics Verständnis und füllen die Einsamkeit.

Wie heißt es so schön: Wenn man fröhlich ist, fühlt man den Beat, wenn man traurig ist, fühlt man den Text. Ein Beispiel: Silence von Marshmello ft. Khalid aus dem Jahr 2017.

Wie jede Lyrics, lassen auch diese viel Platz zur Interpretation. So dachte eine Freundin, dass es in diesem Lied um eine Vergewaltigung geht und das lyrische Ich dann stark genug ist um die Stille zu durchbrechen und darüber zu reden.

Meine Ansicht ist da etwas anders, als ich das Lied das erste Mal hörte, waren einige Textpassagen so präsent, dass sie meine Situation wieder gespiegelt hatten.

Yeah, I’d rather be a lover than a fighter
‚Cause all my life, I’ve been fighting“

Ich bin ein Kämpfer, jeden Tag kämpfe ich gegen meine Persönlichkeitsstörung, Depression, meine Gedanken und mich selbst. Jeder der das durchmacht ist ein Kämpfer, vor allem jeder, der sich nicht davon einschüchtern lässt. „Ich würde lieber ein Liebhaber sein, als ein Kämpfer.“ Ja, denn ich gebe meine Kraft lieber für andere aus, als für mich. Ich liebe andere mehr als mich selbst, was wohl mein größtes Problem ist.

I found peace in your violence
Can’t tell me there’s no point in trying
I’m at one, and I’ve been quiet for too long“

Betroffene werden es kennen, das Gedankenkarussell, was sich so schon dreht im Kopf. Und dabei handelt es sich nicht um eine 3-minütige Fahrt, dieses Erlebnis geht länger, Tage, Wochen, Monate. Immer wieder die gleichen Ängste, die gleichen miesen Gedanken, diese Leere. Da ist es doch mehr als verständlich, wenn man diese Situation als alltäglich ansieht. Das man denkt, jeder erlebt das so. Und wenn der Kopf dann mal leise ist und keine schlechten Gedanken hat, oder einem Gutes widerfährt, denkt man es passiert etwas Schlechtes und man hat es nicht verdient glücklich zu sein.


„BETROFFENE WERDEN ES KENNEN, DAS GEDANKENKARUSSELL, WAS SICH SO SCHON DREHT IM KOPF.“


I’m in need of a savior, but I’m not asking for favors
My whole life, I’ve felt like a burden
I think too much, and I hate it „

Man braucht einen Retter, möchte aber nie jemanden fragen. Nie jemanden belästigen mit den Gedanken im Kopf, aus Angst vor Ablehnung oder verlassen zu werden. Ich rede auch nie, wenn ich reden muss. Weil es so schwer fällt alles in Worte zu fassen oder einem geliebten Menschen zu sagen, man möchte sterben. Man hat Sorge, man belästigt seine Freunde damit, wenn man ihnen sagt, das es einem nicht gut geht. Oder die Gefühle spielen verrückt man man fühlt nur noch Leere, möchte dies aber niemanden mitteilen, weil man keine Last sein will. Ich rufe auch nie nachts jemanden an, nur weil ich weine oder paranoide Phasen habe. Man denkt sich dann eh alles kaputt, man nerve nur, ist eine Last für den anderen oder kommt schon wieder mit einem Thema an, dass man vielleicht schon tausendmal besprochen hat. Ich zerdenke mir in diesen Phasen immer alles. Ich bin kein guter Mensch, ich bin schlecht, ich nerve, ich falle allen nur zur Last durch meine Art. Auch über alltägliche Dinge denke ich viel zu sehr nach. In der Bahn…schauen mich die Menschen an, was denken sie über mich, habe ich irgendetwas komisches an? Warum schauen die denn so?

I’m so used to being in the wrong, I’m tired of caring
Loving never gave me a home, so I’ll sit here in the silence „

Man denkt einfach, man macht alles falsch. Es kann nicht richtig sein so zu denken, so zu fühlen. Warum bekommen es andere so gut hin, nur ich nicht? Und warum macht man sich um andere viel mehr Gedanken als um sich selbst? Wie oft hatte ich schon Angst um Freunde, Bekannte und Verwandte, sag zu mir aber immer „es ist egal was mit dir passiert?“ Sich über alles und jeden einen Kopf zu machen tut nicht gut, man wird ruhiger und schweigt. Um mit all den Sachen im Kopf , mit all den Gefühlen im Körper klar zu kommen.

Stille ist etwas Schönes, vor allem Stille im Kopf. Manchmal wünschte ich mir, ich würde nicht so viel fühlen, nicht soviel nachgrübeln über alles, aber wäre ich dann noch ich?


„STILLE IST ETWAS SCHÖNES, VOR ALLEM STILLE IM KOPF.“


Doch nicht nur in englischen Songs kann man solche Themen erkennen, auch deutsche Interpreten setzen sich mit den Themen „Suizid“, „Depressionen“ und „Alleinsein“ auseinander.

Erst vor kurzem entdeckte ich das Lied „Heute nicht“ von Krijo Stalka.

Und sie sagt: „Alles Schöne zerbricht“
Sie hat Tränen im Gesicht und kein Weg führt zurück
Ja, ich weiß: „Zurzeit sind uns’re Leben voll gefickt
Aber was sagen wir dem Tod, wenn wir ihn sehen?“
„Heute nicht“ (Heute nicht)“

Die Passage beschreibt für mich die Zeit nach der Euphorie. Es gibt gute Zeiten ohne schlimme Gedanken. Doch wenn die Leere wieder einsetzt, alles schwer wieder schwer wird, man kaum Kraft zum aufstehen hat, dann bricht man wieder innerlich und äußerlich zusammen. Die glückliche Fassade fällt. Man denkt vielleicht wieder daran zu gehen, dass alles besser ist ohne einen. Das der Schmerz aufhört und das Leid das man fühlt. Doch wenn man nur einen hat, der zu einem steht, der dich so nimmt wie du bist und weiß, du übersteht es, so wie die anderen unzähligen Male. Dann hat man die Kraft dem Tod zu sagen: „Heute nicht.“

Wenn ich ein Lied brauche, wo ich mich verstanden fühlen möchte, höre ich „Therapie“ von Vocal. Jede Zeile dieses Liedes ist so wahr und so gut. Viel zu viele um sie hier einzeln auf zu listen.“ „Denn auch wenn es immer glorifiziert wird, kriegst du bei einem Psychologen ein Rezept, dann kommt der nächste Patient“, „Und es dauert bis ich mich wieder gefangen hab, ich weiß
Doch ich leide immerhin schon eine lange, lange Zeit „ oder „Denn eines Tages ist vorbei und dann war’s das mit dem beschissenen Druck“. Doch am beeindruckendsten ist der Refrain.


„NIEMALS VERSTEHT IHR DIE GEDANKENWELT,
IN DER ICH MICH QUÄL UND DIE MICH GEFANGEN HÄLT“


Und sie sagen, ich gehör in Therapie (Therapie)
Nur vielleicht bringen mich Wörter nicht an’s Ziel (nicht an’s Ziel)
[…]Niemals versteht ihr die Gedankenwelt
In der ich mich quäl und die mich gefangen hält
Hunderte Versuche meinen Geist zu befreien
Niemals weis ich mich ein, ich schaff die Scheiße allein“

Klar eine Therapie kann helfen. Doch manchmal möchte man nicht reden, weil niemand einen versteht, auch die Therapeuten nicht. Man redet zwar über Sachen die einen belasten, doch richtig helfen tut einem niemand. Sie sperren einen nur weg und stellen dich ruhig. Da kann man es auch versuchen allein hin zu bekommen. Man leidet, doch danach kommen wieder bessere Zeiten. Vielleicht passiert einem sogar etwas Gutes und das Gute bleibt.

Einige dieser Passagen, werden viele von euch anders interpretieren oder vielleicht sogar verstörend finden. Doch sie beschreiben meine Gedankenwelt ganz gut. Funktionieren-zusammenbrechen-aufstehen-weiterkämpfen-funktionieren. Ein ewiger Kreislauf. Ob sich die ganze Arbeit lohnt? Keine Ahnung, aber warum sollte man es nicht versuchen?

Mit Musik kann man soviel verarbeiten, soviel hineininterpretieren, damit man sich verstanden fühlt. Sie ist da, wenn es keiner ist. Sie füllt die Stille, die Leere. Wie besingt es Vocal: „Gäb es Mukke nicht, wär ich schon längst verzweifelt an der Scheiße.“



Vielen Dank an Katy, dass sie mir einmal im Jahr zum Welttag der Suizidprävention, die Möglichkeit gibt gehört zu werden. Meine Sicht zu teilen. Vielen Dank an meine Freunde, welche trotz alledem denken ich bin ein guter Mensch und zu mir stehen. Trotz tausendfachen wiederholen der Themen mir zuhören, Trost spenden und Kraft geben.

Danke. Ihr mach die Welt für mich lebenswerter.

P.S.: Denk immer dran, ich bin nicht ein Paradebeispiel, wie man mit Depressionen oder Suizidgedanken umgehen sollte. Durchhalten bis es irgendwann zu spät ist, ist kein guter Weg. Aber einer mit dem ich mich abgefunden habe. Redet mit Freunden drüber, auch wenn ihr Zweifel habt, ob sie euch verstehen oder ihr denkt ihr nervt sie. Richtige Freunde hören euch zu und versuchen zu helfen, für sie, seid ihr nie eine Last. Oder sucht euch Hilfe bei U25 oder Freunde fürs Leben. Auch bei der Nummer gegen Kummer kann man super reden und das alles anonym.

Lebt weiter, ihr seid tolle Menschen. Von uns braucht die Welt mehr, glaubt mir.

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